Die Vorgeschichte der Stiftung Kinderzentrum Ruhrgebiet
Es war Abschied und freudiger Aufbruch zugleich. Mit einer großen Gala in der ehemaligen Dortmunder Zeche Zollern II/IV verabschiedete sich der „Verein Kinderzentrum Bochum" am 31. Oktober 2001 von seinen Freunden und Gönnern. In den rund drei Jahren seines Bestehens hatte er mehr als 5 Millionen DM für den Bau eines Kinderzentrums in Bochum gesammelt. Nun würde der Verein seine Ziele in Form der Stiftung Kinderzentrum Ruhrgebiet weiterverfolgen. Auf den Fotos der Abschieds-Gala sind festliche Kleider und strahlende Gesichter zu sehen. Dabei standen ganz am Anfang, in den 1980er-Jahren, traurige Erfahrungen.
Das Elend der Eltern
Damals standen die heutigen Stiftungsvorstände Bettina Menzen und Iris von der Lippe am Anfang ihres Berufslebens. Als junge Physiotherapeutinnen widmeten sie sich schwer und mehrfach geschädigten Kindern, die eine motorische Problematik aufwiesen. Uns so erfuhren sie am Rande der Sitzungen auch vom Elend der Eltern: Auf sich allein gestellt, mussten sie für ihr Kind die unterschiedlichen, in vielen verschiedenen Einrichtungen angesiedelten medizinischen, diagnostischen und therapeutischen Hilfen organisieren. Sie mussten sich für Anträge und Zuschüsse durch den Paragrafen-Dschungel der Behörden und Ämter kämpfen. Und sie mussten erleben, dass sie nicht mehr „dazugehören". Denn damals war ein Kind mit Handicap – viel stärker noch als heute – ein Stigma, das die soziale Ausgrenzung der Familie zur Folge hatte. Dies war für die Eltern oft schwerer zu bewältigen, als die Behinderung ihres Kindes.
Iris von der Lippe und Bettina Menzen war bald klar, dass man hier helfen muss. Aber nicht mit einem Rezept, sondern mit sozialer Pädiatrie. Diese hatten sie bei einer Fortbildung im Kinderzentrum München bei Professor Theodor Hellbrügge, dem ‚Vater' der Sozialpädiatrie, kennengelernt. Soziale Pädiatrie zielt auf frühe Diagnostik, frühe und begleitende Therapie sowie eine rasche Unterstützung für die soziale Eingliederung. Vor allem aber ist soziale Pädiatrie eine innere Haltung, die es zu leben gilt.
Die Vision: Ein Kinderzentrum im Ruhrgebiet
Die Vision, ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) im Ruhrgebiet aufzubauen, nahm Konturen an, als der Pädiater Dr. Jörg Hohendahl 1992 zu den beiden Krankengymnastinnen stieß. Damals entstand auch, der gemeinsamen Arbeitspraxis entlehnt, das Motto „gemeinsam handeln – gemeinsam helfen". Dahinter steht der Gedanke, dass ideale Hilfe kurze Wege, schnelle Absprachen und unbürokratisches Vorgehen braucht. Alle beteiligten Helfer bringen ihre Kompetenzen ein, ein „Professor" wie ein „Physiotherapeut" – weshalb beide auch offen miteinander sprechen müssen, ohne dass Standesschranken stören.
Eine Schlüsselerkenntnis weist den Weg
1994 organisierte das Trio, das den Verein „Sozialpädiatrisches Zentrum Bochum" gegründet hatte, die erste Fortbildung für Eltern und Fachkräfte. Ihr folgten viele weitere, was bereits den Weg in Richtung Elternschule und Akademie wies. Unterdessen war auch Professor Dr. Christian Rieger, der damalige Leiter der Universitätskinderklinik, für die Vision SPZ gewonnen worden. Gemeinsam mit Dr. Jörg Hohendahl begann er, das Terrain zu sondieren, Informationen zu sammeln und Gespräche zu führen. Die Schlüssel-Erkenntnis: Wer ein SPZ gründen will, muss einen Ort schaffen, wo es sich ansiedeln kann.
Nun konkretisierte sich die Idee „Kinderzentrum" immer mehr. Es fehlte nur noch eins: die Mittel für den Neubau. In dieser Situation lernte Iris von der Lippe – wie so oft über einen kleinen Patienten – im Juli 1999 den Zwei-Sterne-Koch Thomas Bühner kennen. Wenn er heute Feinschmecker in seinem Restaurant „la vie" in Osnabrück begeistert, gelang ihm dies damals im „La Table" in Dortmund-Hohensyburg. Er bot sich an, eine große Spendengala mit Edel-Dinner im Casino Hohensyburg durchzuführen – was ein unglaublicher Erfolg wurde. Der Abend war mit einem Reinerlös von 100.000 DM wie ein Startschuss. Denn jetzt begann der Verein „Kinderzentrum" mit Hochdruck, was die Stiftung fortführte: die Öffentlichkeit ansprechen, Freunde und Förderer, Spender und Sponsoren gewinnen. Damit eine Vision zur Wirklichkeit wird. |